
9
»Ich würde ja sagen, es geschieht Kostya ganz recht, dass er sich nun in dieser misslichen Lage befindet, aber ich werde diejenige sein, die es ausbaden muss, denn zu mir kommt Cyrene, wenn er ihr das Herz bricht«, flüsterte ich Gabriel zu. Er nickte, konzentrierte sich aber offensichtlich auf andere Dinge, die ihm wichtiger erschienen.
Drake, der Gabriels vielsagenden Blick richtig interpretierte, sagte zögernd: »Kostya, du kennst die Gesetze des Weyr ebenso gut wie ich. Du bist weder zum Wyvern ernannt, noch ist deine Sippe anerkannt. Du hast keinen Platz am Tisch des sárkány.«
»Ich bin bereit, sowohl die Sippe als auch den Wyvern anzuerkennen«, sagte Fiat plötzlich und lächelte Kostya an. Es war kein besonders nettes Lächeln, aber zumindest griff er den reizbaren Kostya nicht an.
»Ich wusste doch, dass ich dich mag.« Cyrene strahlte Fiat an. »Allerdings nicht so sehr, dass ich Kostya für dich verlassen würde. Ich bin nicht wankelmütig, auch wenn May das Gegenteil behauptet, aber es ist sehr nett von dir, Kostya zu unterstützen, nachdem du zuerst so garstig zu ihm warst.«
Einen Moment lang herrschte Schweigen, und alle starrten Cyrene an.
»Siehst du?«, sagte Kostya schließlich. »Fiat ist bereit, mein Recht, hier zu sein, anzuerkennen. Eine einfache Abstimmung wird dieses Problem ein für alle Mal lösen.«
»Die Sitzung wurde nicht einberufen, um die Sippe der schwarzen Drachen anzuerkennen«, entgegnete Gabriel. »Auf diesem sárkány soll festgelegt werden, welcher von den beiden blauen Drachen, die Anspruch auf die Position erheben, als Wyvern anerkannt werden soll. Du hast beim Weyr keine entsprechende Eingabe gemacht, Kostya.«
»Du brichst ja auch die Regeln, wann es dir gerade passt«, antwortete er mit einem betonten Blick auf mich. »Warum sollte ich nicht dasselbe tun?«
»Ganz recht!«, bekräftigte Cyrene.
Ich versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, aber sie mied meinen Blick. Sie würde nicht zulassen, dass ich ihr den Spaß verdarb, indem ich an ihre Vernunft appellierte... an das, was davon noch übrig war.
»Gabriel hat recht«, sagte Drake langsam. »Ein sárkány wird zu einem bestimmten Thema einberufen, und heute hat Bastian uns hierher bestellt, damit ihm offiziell der Titel des Wyvern zugesprochen wird. Wenn du möchtest, dass der Weyr sich mit dem Thema der schwarzen Drachen beschäftigt, musst du den korrekten Ablauf einhalten.«
»Das ist alberne Zeitverschwendung. Er wurde von Baltic als Nachfolger bestimmt, also ist er Wyvern. Ich bin für die Anerkennung Kostyas und stimme dafür, dass die schwarzen Drachen wieder in den Weyr aufgenommen werden«, sagte Bao mit scharfer Stimme.
»Ich stimme dir zu«, erklärte Fiat rasch. »Die blauen Drachen sind gewillt, Kostya und seine Sippe offiziell anzuerkennen.«
»Du hast kein Recht, für meine Sippe zu sprechen«, erwiderte Bastian, wobei ihm eine kleine Rauchwolke entwich.
»Und du hast nicht das Beeilt, ein Thema zu besprechen, das auf diesem sárkány nicht behandelt wird«, sagte Gabriel zu Bao.
Sie zeigte ihm die Zähne. Anscheinend war das ihre Art zu lächeln. Verstohlen griff ich nach dem Dolch, den ich immer am Knöchel trage, und meine Finger schlossen sich um seinen Griff.
»Diese Regeln sind antiquiert. Warum sollten wir nicht mehrere Themen gleichzeitig besprechen?«, entgegnete sie.
»Das ist auf einem sárkány nicht üblich«, erwiderte Gabriel.
Mit blitzenden Augen wandte er sich an die beiden blauen Drachen. »Je eher wir über das anstehende Thema sprechen, desto früher können wir gehen. Sollen wir anfangen?«
»Es war deine Gefährtin, auf die wir alle warten mussten«, fuhr Fiat ihn an. »Natürlich hast du Angst vor Kostya und seiner Sippe und möchtest sie am liebsten vom Weyr fernhalten, aber wir Übrigen haben damit kein Problem. Lasst uns jetzt, wo wir alle anwesend sind, das Thema ein für alle Mal besprechen.«
»Ich stimme für Kostya«, sagte Cyrene und machte es sich auf seinem Schoß bequem. Kostya machte den Eindruck, als ob er sie am liebsten fallenlassen würde.
Gabriel war aufs Äußerste angespannt. Ich drückte ihm beruhigend das Knie, um ihn daran zu erinnern, dass es zu nichts führte, mit Fiat zu streiten, auch wenn er langsam mal eine Tracht Prügel verdient hätte.
»Er hat viel zu viel Angst vor dem, was passieren würde, wenn die schwarzen Drachen anerkannt würden!«, höhnte Kostya. Sein Gesicht war finster wie die Nacht. »Er weiß, dass die silbernen Drachen nie eine eigene Existenzberichtigung hatten.«
»Weißt du, ich glaube, ich muss Kostya in diesem Punkt zustimmen«, setzte Cyrene an, aber mir reichte es jetzt.
»Die Position der Gefährtin eines Wyvern ist neu für mich, und wahrscheinlich dürfte ich jetzt gar nicht das Wort ergreifen.« Ich stand auf, um wenigstens einen kleinen Größenvorteil vor den anderen zu haben. »Aber ich habe jetzt einfach genug von diesem Mist. Welchen Teil von Nein verstehst du nicht, Kostya?«
Kostya zuckte erschrocken zurück, zum Teil sicher, weil ich so barsch mit ihm redete, zum Teil aber auch, weil ich einen Dolch in der Hand hielt.
»Mayling!«, sagte Cyrene empört. »Wie kannst du es wagen, meinen Freund zu bedrohen?«
»Allmächtiger, hörst du jetzt endlich auf«, stieß ich mit zusammengebissenen Zähnen hervor. »Du - das gilt auch für dich, Kostya - bist hier nur geduldet, und ich würde es sehr schätzen, wenn ihr Gabriel und die anderen jetzt in Ruhe ihren Geschäften nachgehen lassen würdet.«
Kostya schnaufte, als wolle er etwas sagen, entschied sich dann aber doch, zu schweigen und mir stattdessen einen Blick zuzuwerfen, mit dem man Stahl hätte schneiden können.
Ich setzte mich wieder und warf Gabriel einen besorgten Blick zu. Ich hatte das Gefühl, die Kompetenzen einer Gefährtin weit überschritten zu haben, aber das war mir egal. Wenn Kostya und Fiat so weitermachten, würden wir uns den ganzen Tag hier aufhalten. Gabriels Gesicht war ausdruckslos, aber ich sah, dass seine Augen vor Erheiterung blitzten. Kurz ergriff er meine Hand und drückte sie beruhigend.
»Anscheinend hält deine Gefährtin einen Vortrag auf diesem sárkány«, sagte Drake trocken.
»Ein solches Verhalten ist nicht korrekt...«, setzte Fiat an, aber Gabriel schnitt ihm scharf das Wort ab. »Halt endlich den Mund, Fiat. Lasst uns jetzt weitermachen. Bastian, du hast das sárkány einberufen; stell uns deinen Fall vor.«
Ich hörte, wie Maata hinter uns ein Kichern unterdrückte. Ich straffte meine Schultern und nahm mir vor, während der Verhandlungen nichts mehr zu sagen. Vier Stunden später hielt ich mich nur noch mit Mühe auf meinem Stuhl und träumte davon, ein heißes Bad zu nehmen, um die Langeweile fortzuspülen. Während ich in Abbadon gewesen war, hatte Bastian seine Zeit offensichtlich gut genutzt, denn er war hervorragend vorbereitet. Er konnte nicht nur Sippendokumente und eidesstattliche Erklärungen vorlegen, sondern auch zahllose Zeugnisse, die untermauerten, dass er und nicht sein Neffe zum Wyvern bestimmt war. Fiat schrie, fluchte, erhob Einspruch und stieß die ganze Zeit wilde Drohungen aus, aber am Schluss siegte die Gerechtigkeit.
»Der Weyr erkennt Bastiano de Girardin Blu als rechtmäßigen Wyvern der blauen Drachensippe an«, verkündete Gabriel.
Auch er wirkte erschöpft, und die feinen Linien um seinen Mund und seine Augen hatten sich tief eingegraben. Bastian lächelte und dankte den anwesenden Drachen. Ich war ein wenig überrascht, weil Bao die Entscheidung nicht anfocht, obwohl sie doch eigentlich Fiat zu favorisieren schien, aber nach kurzem Protest beugte sie sich der Mehrheit und erklärte, auch die roten Drachen würden Bastian anerkennen.
Sie hatte nur mit den Schultern gezuckt und ihre Zustimmung gegeben. »Es ist nicht so wichtig.«
»Das ist noch nicht vorbei«, schrie Fiat und sprang wütend auf. Der halbe Saal erhob sich mit ihm, seine Anhänger warfen finstere Blicke über den Gang zu den blauen Drachen, die unter Bastians Flagge standen. »Ich akzeptiere diese Entscheidung nicht! Bastian ist unfähig, die blauen Drachen zu regieren! Ihr werdet es noch bereuen, dass ihr ihm diese Macht gegeben habt.«
»Er hat offensichtlich noch nie etwas davon gehört, dass man seine Niederlagen mit Würde tragen soll«, flüsterte Cyrene Kostya so laut zu, dass alle es hören konnten.
Fiat hatte es ganz bestimmt gehört, denn er knurrte etwas Unflätiges in ihre Richtung. Dann sprang er auf den Tisch und blickte Bastian finster an. »Glaub bloß nicht, dass du gewonnen hast, alter Mann. Heute bist du vielleicht noch einmal davongekommen, aber letztendlich werde ich den Sieg davontragen.«
»Ich erkläre dich zum Ouroboros«, sagte Bastian und stand langsam auf. Er kniff die Augen zusammen und wandte sich an die umstehenden Drachen. »Ebenso wie alle, die zu deiner Gefolgschaft gehören. Was sagt ihr dazu? Wollt ihr in der Sippe verbleiben mit euren Freunden und Familien? Oder wollt ihr lieber ausgestoßen werden? Wollt ihr jemandem folgen, der die edle blaue Sippe mit seinen verräterischen Handlungen fast in die Katastrophe getrieben hat? Wollt ihr zusehen, wie er alles zugrunde richtet, das wir wieder aufgebaut haben? Oder wollt ihr zur Vernunft kommen und das wiedererlangen, was Fiat zerstören wollte?«
Ein paar der blauen Drachen blickten zögernd zu ihren Verwandten, aber keiner von ihnen rührte sich. Es waren fast alles Männer. Sie schwiegen.
»Sie wollen dir nicht dienen«, sagte Fiat. Er sprang vom Tisch und trat mit vorgetäuschter Lässigkeit zu seinem Onkel. »Du wirst die Sippe zerstören, du wirst alle davontreiben, aber dann wird es zu spät sein. Glaubst du etwa, es macht mir etwas aus, ein Ouroboros zu sein?« Sein Lachen klang hart, und er warf Gabriel einen Blick zu. »Uns wird es gut gehen. Denn wir werden nicht allein sein. Hast du dich niemals gefragt, wer hinter den Taten der letzten zwei Monate steckt, alter Freund?«
»Ich wusste es«, flüsterte ich und griff nach meinem Dolch.
»Ich habe dir doch gesagt, dass er sie entführt hat.«
Gabriel hielt mich mit einem Blick zurück und wandte sich an Fiat. Seine gelassene Miene verriet nichts von seinem inneren Aufruhr. Ich spürte jedoch, wie sich das Drachenfeuer in ihm aufbaute und hinausdrängte. »Was willst du damit sagen, Fiat?«
Fiat lachte wieder und warf affektiert den Kopf in den Nacken. »Wie ich schon sagte - ich werde nicht allein sein. Und ich werde auch nicht vergessen, was heute hier passiert ist. Mein Gedächtnis reicht weit zurück, Gabriel. Und meine Freunde, meine alten Freunde, erinnern sich sogar noch besser als ich.«
Bastian machte eine Bewegung auf Fiat zu, als wolle er ihn schlagen, besann sich jedoch eines Besseren. Ich packte meinen Dolch fester und überlegte, ob ich in die Schattenwelt gleiten und Fiat folgen konnte, ohne dass Gabriel etwas merkte.
»Nein«, zischte Gabriel, der offensichtlich meine Gedanken gelesen hatte. »Er macht uns nur etwas vor, mein kleiner Vogel.«
»Nun gut. Ihr habt eure Wahl getroffen. Was geschehen ist, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.« Bastian blickte die stehenden Drachen mit festem Blick an. »Eure Familien werden wegen eurer Taten nicht zu leiden haben, aber ihr sollt wissen, dass ihr vom heutigen Tag an aus der Sippe ausgestoßen seid.«
Fiat verdrehte die Augen und wandte sich direkt an Kostya.
»Ich werde meinen Freund ganz herzlich von dir grüßen, ja?«
Kostya schob Cyrene von seinem Schoß und stand langsam auf. Drohend kniff er die Augen zusammen. »Du lügst.«
»Ach ja?« Fiat lächelte. Er sah aus, als wolle er noch etwas sagen, änderte jedoch seine Meinung. »Wir gehen«, sagte er zu seinen Gefolgsleuten, und das taten sie. Als sie weg waren, schien die Luft um einige Grade wärmer zu werden, aber vielleicht kam das auch nur daher, dass die Spannung nachließ. Ich blickte zwischen Kostya, Drake und Gabriel hin und her.
»Habe ich ihn gerade richtig verstanden?«, fragte ich.
»Was hat er gemeint? Wer ist sein Freund? Und warum hat er dich angeschaut?«, fragte Cyrene Kostya.
»Er lügt«, wiederholte Kostya und wechselte einen Blick mit seinem Bruder. Drake wirkte nicht besonders überzeugt.
»Worüber lügt er?«, fragte Cyrene und zupfte Kostya am Hemd. »Von wem hat er geredet?«
»Sein Name kam mir ein bisschen häufig vor«, sagte ich.
»Seid ihr wirklich sicher, dass er tot ist?«
»Oh!« Cy rang nach Luft und riss die Augen auf. »Ihr redet über diesen Baltic, oder? Der, der versucht hat, Kostya zu töten. Aber ich dachte, er hätte ihm den Kopf abgeschlagen?«
»Das habe ich auch«, sagte Kostya und wandte sich an Gabriel. »Ich ersuche hiermit den Weyr in aller Form, ein sárkány einzuberufen, um die Anerkennung der schwarzen Drachen...«
Plötzlich ging das Licht aus. Sofort wurde ich zum Schatten, doch bevor ich Gabriels Hand ergreifen konnte, wurden die Flügeltüren am Ende des Ballsaals aufgestoßen, und vier dunkle Silhouetten feuerten aus vier Maschinengewehren Salven in den Raum.
Der gesamte Saal war in Aufruhr, weil jeder versuchte, sich vor dem Kugelhagel in Sicherheit zu bringen. Wir mochten ja alle unsterblich sein, aber es tat trotzdem weh, von einem Schuss getroffen zu werden. Gabriel rief meinen Namen, und seine Hand schloss sich fest um meinen Arm, als er mich zur Seite zerrte und zu Boden warf, um mich mit seinem Körper zu decken. Die Leute an der Tür warfen irgendwelche kleinen Gegenstände in den Saal. Ich hatte gerade noch Zeit, mich zu fragen, ob es Bomben waren, als bereits laute Explosionen den Saal erschütterten und Rauch sich auszubreiten begann.
»Rauchbomben?«, flüsterte ich Gabriel zu und packte ihn fest am Ärmel, damit ich ihn in der Dunkelheit und dem Chaos nicht verlor.
»Bleib hier«, befahl er. »Beschütz das Phylakterium.«
Das hatte ich ganz vergessen. Ich fuhr mit der Hand an meinen Hals und zog das große Medaillon heraus, um mich davon zu überzeugen, dass es noch sicher war.
»Benutz es nur, wenn...«
Eine weitere Explosion brachte den Saal zum Erbeben, und die Dunkelheit wurde von Feuer erleuchtet. Gabriel und Tipene verschwanden im Getümmel, und nur noch Maata blieb bei mir.
»Du brauchst mich nicht zu beschützen«, flüsterte ich. Der Rauch um uns herum nahm mir die Luft, und ich musste husten.
»Geh und hilf Gabriel.«
»Kannst du etwas sehen?«, fragte sie mich. Sie hustete ebenfalls.
Im Saal herrschte das blanke Chaos - es war unmöglich zu erkennen, was vor sich ging, und man bekam kaum Luft. Vier Männer standen in der Tür und richteten ihre Maschinengewehre auf die Menge. Neben der Tür lagen umgestürzte Stühle, und ab und zu kroch jemand vorbei. Gelegentlich hörte man Schreie und Flüche, wenn jemand getroffen wurde, aber ansonsten konnte ich nichts erkennen.
»Ich gehe in die Schattenwelt«, flüsterte ich Maata zu. »Geh du zu Gabriel. Ich passe schon auf das Phylakterium auf.«
Sie sagte nichts, als ich in die Sicherheit der Schattenwelt schlüpfte, diese leicht abgeänderte Version unserer Realität.
Die Dinge sehen in der Schattenwelt immer ein bisschen anders aus, und in dem Augenblick, als ich aufstand, sah ich etwas, das meinen Augen in unserer Welt verborgen geblieben war – hinter den vier Männern, die in den Saal hinein schossen, ging ein weiterer Mann auf und ab - ein großer Mann in einem langen, schwarzen Mantel. Eine blaue Aura der Macht umgab ihn, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte.
Der Rauch beeinträchtigte immer noch meine Sicht, aber ich konnte trotzdem alles viel besser erkennen. Ich ging auf den Mann zu, um ihn mir genauer anzusehen. Gewehrkugeln oder andere körperliche Angriffe konnten mir nichts anhaben. Ich ging an Gabriel, Drake und Kostya vorbei, die die Köpfe zusammensteckten. Drake gab ihnen Befehle. Sie trennten sich, jeder Wyvern nahm eine Gruppe von Drachen mit, und sie schlichen an der Wand entlang, auf die Männer an der Tür zu. Bao und Bastian bewegten sich an der anderen Seite des Saals entlang. Offenbar verfolgten sie einen ähnlichen Plan.
Ich ging mitten durch den Saal, um den Mann, der hinter den Schützen hin und her ging, besser sehen zu können. Zwei Drachen schleppten einen anderen, der mitleiderregend stöhnte, auf die Seite. Ich zögerte und überlegte kurz, ob ich helfen sollte, aber ein Schrei aus einer anderen Gruppe von Drachen, die auf die Tür zurannten, lenkte mich ab. Der Mann blieb stehen und spähte in den Raum, aber er achtete nicht auf die Drachengruppe. Ich machte einen Schritt nach vorne und fuhr erschrocken zusammen, als sein Blick auf mich fiel. Er wandte sich mir zu, und ich sah sein Gesicht: Hohe Wangenknochen und tiefliegende schwarze Augen verliehen ihm ein leicht slawisches Aussehen. Auch seine Haare waren dunkel und aus der hohen Stirn zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.
Ich taumelte, erschrocken darüber, dass er mich in der Schattenwelt sehen konnte. Er war ein Drache, da war ich mir sicher, und Drachen konnten eigentlich die Schattenwelt nicht betreten. Gabriel war eine Ausnahme, weil seine Mutter Schamanin war, aber ich hatte noch nie von einem anderen Drachen gehört, der in die Schattenwelt hineinsehen, geschweige denn eintreten konnte. Und doch kam er auf mich zu und schlüpfte so leicht in meine Welt, als sei er dazu bestimmt.
Ich wich zurück und griff nach meinem Dolch. Ganz schwach hörte ich Gabriel meinen Namen rufen. Angst stieg in mir auf, als der Mann immer näher kam. Rasch blickte ich mich nach einem Fluchtweg um, da ich nicht mit ihm kämpfen wollte, solange ich nicht wusste, wer er war. Plötzlich blieb er stehen und zog zischend die Luft ein. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er das Medaillon, das über meiner Bluse hing.
»Das Lindwurm-Phylakterium«, sagte er und streckte langsam die Hand aus, als wolle er es ergreifen. Ich taumelte zurück, stolperte über einen Tisch und einen Drachen, der stöhnend auf dem Boden lag. Das Platinmedaillon hielt ich so fest in der Hand, dass es mir in die Haut schnitt. Zu meinem Entsetzen wollte es jedoch nicht festgehalten werden. Es schlüpfte aus meiner Hand und strebte von meinem Oberkörper weg, sodass die Kette schmerzhaft gespannt war. Erneut griff ich danach, wobei ich beide Hände zu Hilfe nahm, um es wieder zurückzuziehen.
Der Mann knurrte etwas.
»Mayling!«, schrie Gabriel. Seine Stimme drang nur schwach in die Schattenwelt, als ob er in weiter Ferne wäre. In all dem Lärm um uns herum war er schwer zu verstehen, aber ein paar Worte bekam ich mit. «... benutze es!«, schrie er. Hinter dem geheimnisvollen Mann griffen die Wyvern gerade die Schützen an. Drakes Leute stürzten sich auf den, der am nächsten stand, und auch die anderen drei wurden attackiert. Kurz sah ich Gabriel, als er und Tipene einen der Schützen überwältigten. Gabriel riss ihm das Maschinengewehr aus der Hand und schlug ihn mit dem Kolben nieder. Wieder wandte er sich mir zu und schrie etwas aber es war unmöglich, ihn zu verstehen. Drei weitere Männer tauchten in der Tür auf und stürzten sich auf Gabriel, als er mir erneut zurief: »Benutze es!«
Das Phylakterium - ich sollte das Phylakterium benutzen. Anscheinend hatte er den geheimnisvollen Mann auch gesehen und ich sollte es benutzen, damit es mir nicht gestohlen wurde. Der Mann vor mir knurrte etwas und machte eine heftige Handbewegung. Das Platingehäuse, in dem sich das Phylakterium befand, explodierte und kleine, scharfe Splitter drangen mir in Hände und Bauch. Ich unterdrückte einen Schmerzensschrei und packte den Goldklumpen, der entfernt an einen Drachen erinnerte. Für den Bruchteil einer Sekunde studierte ich ihn, unsicher, wie ich ihn überhaupt einsetzen sollte. Ich war kein Drache, verfügte also auch nicht instinktiv über das Wissen, wie man mit solchen Dingen umzugehen hatte.
Der Mann trat einen Schritt auf mich zu und hob leicht den Kopf, als würde er wittern.
»Gefährtin«, sagte er ungläubig und wütend zugleich.
»Silberne Gefährtin?«
»Wer bist du?«, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf und einen Moment lang glaubte ich, er würde sich umdrehen und gehen. Aber dann stürzte er sich auf mich und ich fiel rückwärts über umgestürzte Stühle.
Gabriel schrie wieder, und ein paar Sekunden lang schien sich die Zeit zu dehnen. Immer neue Angreifer drängten durch die Tür auf die Drachen zu, die bis jetzt erst drei der vier Schützen erledigt hatten. Dieser Übermacht waren wir nicht gewachsen, dazu war der Angriff zu überraschend gekommen.
Finsternis umfing mich, als der Mann über mir stand. In seinen Augen glomm ein bläulich schwarzes Licht, das mich zu Tode erschreckte. Um ihn herum knisterte Elektrizität und verlieh ihm eine Art blaue Aura.
Das Phylakterium begann in meiner Hand zu beben, als es versuchte, sich zu befreien. Kurz sah ich vor meinem geistigen Auge, wie ich Gabriel gestand, dass ich es verloren hatte, und diese Vorstellung entsetzte mich so sehr, dass sie mir die Stärke gab, die ich brauchte.
»Ich mag kein Drache sein, aber ich bin die Gefährtin eines Drachen«, schrie ich und sammelte nicht nur die Schatten um mich, die so sehr Teil von mir waren, sondern auch Gabriels Feuer. Beides ließ ich in mir aufsteigen, und während ich das Phylakterium mit beiden Händen festhielt, begann ich die Schatten und das Feuer hindurchzuleiten. Der Mann zögerte einen Moment lang, und ein seltsamer Ausdruck huschte über sein Gesicht. »Nein«, sagte er, als könne er nicht glauben, was er sah.
»Oh doch«, sagte ich und ließ das Phylakterium los.
Einen Augenblick lang hing es vor mir in der Luft, zwischen Raum und Zeit, dann explodierte es in einer Feuer-Nova, die die Erde zum Beben brachte. Die Explosion schleuderte mich quer durch den Saal, und kurz bevor ich bewusstlos wurde, sah ich einen riesigen Feuerball, der alles zu verschlingen schien. Ich sank in das Flammenmeer und wurde eins mit dem Drachenfeuer.